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  • Gwenn Hiller

Blog-Beitrag: Warum sollten wir gendern?


Liebe Leserinnen und Leser,


Ich könnte auch sagen liebe Leser: innen oder vielleicht liebe Lesende?

Oder wie wäre es mit: liebe Leserschaft? Oder vielleicht doch besser gleich: liebes Publikum?

Sie sehen schon hier, dass die deutsche Sprache formal im Grunde sehr viele Möglichkeiten aufweist, gendergerecht zu sprechen und zu schreiben. Einige davon sind sehr sperrig, und können sehr störend wirken. Andere Formulierungen wiederum sind ganz geschmeidig und fügen sich wunderbar und unbemerkt in den Satzfluss ein. Das gut zu machen, ist schwierig und überhaupt handelt es sich bei dem Thema gendersensible Sprache um eine sehr komplexe Angelegenheit.


Mit diesem Beitrag möchte ich etwas Licht ins Dunkel bringen: Ich lade ich Sie dazu ein, mit mir das Thema gendergerechte Sprache aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Vielleicht stehen Sie dem Thema skeptisch gegenüber? Dann möchte ich Ihnen darlegen, warum ich den Gebrauch gendergerechter Sprache für wichtig halte.

Vielleicht sind Sie sich unsicher darüber, wie Sie am besten gendergerecht sprechen und schreiben können, und auch darüber, was das richtige Maß ist? Dann möchte ich Sie mit diesem Vortrag hierbei unterstützen, und Ihnen ein paar Richtlinien an die Hand geben.


Nun, ich weiss,dass das Thema sehr kontrovers ist, ja, das vielleicht sogar die Gesellschaft spaltet. Und das, obwohl die Befürworter:innen doch möchten, dass Sprache fair und inklusiv ist. Denn die Grundidee, die hinter der Forderung nach fairer Sprache steht, ist die Gleichbehandlung aller Geschlechter in Bezug auf Personenbezeichnungen.

Vermutlich ist Ihnen auch aufgefallen, dass gerade in letzter Zeit eine ganze Reihe der meinungsbildenden Medien gendergerechte Sprache als Titelstory brachten. Diese lösten wahre Fluten an Reaktionen aus.

Anlass der wiederbelebten Debatte war die Tatsache, dass die Duden-Redaktion Anfang des Jahres verkündete, mehr als 12.000 Personen- und Berufsbezeichnungen mit weiblicher und männlicher Form aufnehmen zu wollen.


Wissen Sie, warum mich das alles doch ganz schön verwundert hat? Ich dachte mir: Wow ? Das Thema wurde doch schon während meines Studiums, oder gar in den frühen 80er Jahren heiß diskutiert, und immer noch sind wir so weit entfernt vom Punkt, dass diese Sprachform gesellschaftliche Akzeptanz erfährt? Warum spricht nicht zumindest die Mehrzahl der Frauen inzwischen gendergerecht? Eine spannende Frage, oder? Liegt es daran, dass es zu anstrengend ist, zu sperrig, zu komplex?


Natürlich ist meine Perspektive durch die soziale Blase geprägt, in der ich mich die letzten 15 Jahre bewegt habe: in den Kultur- und Sprachwissenschaften und viele Jahre in Berlin lebend! Wokeness ist das Stichwort der Stunde im urbanen, linksliberalen Milieu und bezeichnet eine neue Form von politisch korrekter Bewusstheit, die gerne den moralischen Zeigefinger hebt. Es leuchtet mir völlig ein, dass manche Forderungen aus diesem Milieu, zB dass man nicht mehr Schwarzarbeit sagen solle, gesamtgesellschaftlich gesehen schwer vermittelbar sind. Aber was ich an Reaktionen über den Vorstoß des Dudens im Netz gelesen habe, war schon heftig, und gipfelte sogar darin, dass Friedrich Merz neulich das Verbot von gendergerechter Sprache einforderte? Dabei ist diese doch inzwischen vielerorts sogar schon gesetzlich verankert!


Hier wird deutlich, dass es eben nicht nur um die Sprache an sich geht, sondern hier wird über verschiedene Lebensstile verhandelt. Begrifflichkeiten oder bestimmte Arten zu sprechen sind kulturelle Codes und können schnell ausgrenzend wirken. Dabei ist doch die Grundidee bei gendergerechter oder auch diskriminierungssensibler Sprache die sprachliche Inklusion, also die Einbeziehung aller!


Als ich Studentin der Germanistik war, Anfang der 90er Jahre, habe ich ein Seminar belegt, das hieß Männersprache-Frauensprache. Ich fand das sehr spannend. Dort lernte ich, dass die Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch 1984 ein Buch mit dem Titel „Das Deutsche als Männersprache“veröffentlicht hatte. Darin attestierte sie u.a. dem Duden, dass die dort verwendeten Beispielsätze voller Geschlechterstereotypen seien, die Frauen abwerte. Außerdem sagte sie einmal, die deutsche Männersprache verstecke die Frauen besser als eine Burka. Starkes Stück, oder? Als Standard etablierte sich damals, zumindest in gendersensiblen Kreisen, im schriftlichen Sprachgebrauch das große Binnen-I oder auch der Schrägstrich. Beides gilt inzwischen als veraltet.

Als das Bundesverfassungsgericht 2017 ein nicht-binäres Geschlecht bzw. das dritte Geschlecht, anerkannt hat, flammte die Debatte wieder auf, und es wurden Formen gesucht, wie die geschlechtliche Vielfalt sprachlich deutlicher sichtbar würde.

Hier zu eine persönliche Anmerkung: Mir fällt auf, dass, gerade bei der jüngeren Generation dieser Diskurs am präsentesten ist, und sie die gendergerechte Sprache primär mit der Bezeichnung des 3. Geschlechts verbinden. Die ursprünglich feministisch motivierte Idee, Frauen sprachlich durch den Gebrauch weiblicher Formen dasselbe Gewicht zu geben wie Männern, scheint dadurch ein wenig in den Hintergrund gerückt zu sein.


Die ‚Queer-Bewegung hat zwei neue sprachliche Formen , die das „Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit“ auflösen:


1. den Unterstrich , der als „Gender Gap“ den Raum symbolisieren soll, den es zwischen den beiden Polen männlich und weiblich gibt.


2. Das „Gender-Sternchen“ das ursprünglich aus der Trans-Bewegung kommt, und nicht-binäre Geschlechtsidentitäten mit einbeziehen soll.


Im Jahr 2021 gilt die Schreibweise mit Doppelpunkt, also Kolleg:innen als zeitgemäss. Denn Inzwischen ist auch der Anspruch an inklusive Sprache in bezug auf weitere Diversitätsaspekte in den Fokus gerückt. Diese Schreibweise ist besonders inklusiv, da künstliche Intelligenz, die etwa Sehbehinderte unterstützt, beim Vorlesen die kleine Pause nach dem Doppelpunkt setzt, also Kolleg:innen, während das Sternchen hier etwa ausgesprochen würde (Kolleg-sternchen-innen). Die kleine Pause wird in der Linguistik mit Glottisschlag bezeichnet, oder auch Knacklaut, der häufig im Deutschen vorkommt, etwa bei Spiegelei (statt Spiegelei). Liebe Leser:innen - wie fühlt sich das für Sie an? Könnten Sie sich daran gewöhnen?


Es gibt viele Kritiken am gendergerechten Sprachgebrauch, und vielleicht finden Sie sich hier auch wieder:

· viele sagen, es verschandle die Sprache, sei umständlich und langatmig, und schwer zu lesen;

· andere Personen sagen, sie wollen sich nicht bevormunden lassen, wie sie zu sprechen haben, Stichwort: Sprachpolizei

· wieder andere meinen, es würde den Frauen eh nichts bringen, wenn nur auf sprachlicher ebene fairness erzielt würde, aber nicht auf gesellschaftlicher

· Ein oft angeführtes Argument ist, dass Genus (also das grammatikalische Geschlecht) nicht gleich Sexus ist (also personenbezogenes Geschlecht). Im Deutschen, so sagen manche, sei eben dieses generische (verallgemeinerndes) Maskulinum systemisch angelegt, d.h., dass bei der männlichen Form die weibliche mitgedacht würde.


Ist das wirklich so? Die moderne Linguistik ist der Auffassung, dass die Frage, ob das generische Maskulinum das andere Geschlechter mit meine, unklar ist und bleibt. Es ist sowieso sehr spannend, was die Forschung dazu sagt! Die Sozialpsychologin Sabine Sczesny hat vor über 30 Jahren folgende Studie durchgeführt:


Eine Gruppe von Teilnehmenden bekam die Aufgabe: „Nennen Sie Ihren Lieblingshelden“, bei der Kontrollgruppe hieß es: „Nennen Sie Ihre Lieblingsheldin oder Ihren Lieblingshelden.“ Die Ergebnisse waren eindeutig. Die erste Gruppe nannte Superman und andere männliche Helden, die andere hingegen nannte häufiger auch Frauen, beispielsweise die eigene Mutter oder eine Nachbarin. Das zeigt, dass die sprachliche Form der Fragestellung also unser Denken beinflusst und auch, dass herausragende Leistungen von Frauen sichtbar werden oder nicht.


Eine psychologische Studie von der FU Berlin belegt 2015, dass geschlechtergerechte Sprache die kindliche Wahrnehmung von Berufen beeinflusst. Fast 600 Grundschulkinder bewerteten Berufe unterschiedlich attraktiv für sich selbst — je nachdem, ob ihnen eine geschlechtergerechte oder männliche Berufsbezeichnung vorgelesen wurde.


In den USA wurde eine Studie zu Stellenausschreibungen durchgeführt. Wenn die Art der Formulierung die Botschaft vermittelte, es würden nur Männer gesucht, fühlten sich Frauen nicht angesprochen und waren weniger motiviert sich zu bewerben. Wenn die Formulierung auch Frauen explizit ansprach, fühlten sie sich motiviert, sich zu bewerben.


All diese Studien beweisen, was die Verfechterinnen der fairen Sprache seit 50 Jahren betonen: Sprache schafft Realität!


Deshalb möchte ich Sie hier herzlich einladen, zu überlegen, was denn für Sie ein gangbarer Weg bei diesem komplexen Thema sein könnte? Vielleicht, dass Sie künftig zumindest bei Berufsbezeichnungen beide Geschlechter nennen? Oder abstrakte Begriffe wählen, die beide Geschlechter mit einschließen, wie eben Studierende, Lehrende, Beratungsfachkräfte?


Geschlechtergerechte Sprachgebrauch beschränkt sich also nicht nur auf die Frage, ob Sternchen oder Doppelpunkt, sondern es gibt viele Möglichkeiten dafür, etwas gerechter zu sprechen.


Seien Sie kreativ und probieren Sie verschiedene Dinge aus, schauen Sie, was für Sie passt.


Zu Ihrer Unterstützung stelle ich Ihnen unter Downloads einen Leitfaden zur Verfügung, den ich für meine Studierenden erstellt habe, und der Ihnen als Orientierung dienen kann!


Übrigens: Immer mehr öffentliche Institutionen wie die Städte Hannover Lübeck, Frankfurt Stuttgart, Medien wie die ZDF Nachrichten aber auch Firmen wie Audi und Otto haben die gendergerechte Sprache offiziell übernommen. Wenn auch aktuelle Umfragen zeigen, dass diese Form des Schreibens und Sprechens noch keine Mehrheit hat, so sagen Prognosen, dass Kund:innen & Arbeitnehmer:innen künftig immer mehr darauf achten würden, wie diversitätssensible und nachhaltig Unternehmen agieren.


Mein Tipp an Sie ist: schauen Sie für sich, was für Sie eine stimmige Lösung sein kann!


Link zum Vortrag: https://youtu.be/nuKlC_WMO78

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